Christian Hahn


Oil on Canvas


exhibition views 2009, Galerie Sfeir-Semler, Hamburg


 

 






   





Christoph Heinrich über Christian Hahn

Spieler und Kämpfer unserer Tage lässt Christian Hahn in seinen Gemälden auftreten: Paintball Fighter verbarrikadieren sich hinter Kunststoffmasken, massig verpackte Eishockeyathleten stürmen durch einen Meteoritenhagel von Pucks, ein Polizist wehrt einen Schwarm von Motten mit einer großen Keule ab. Alles raumgreifende Vorgänge, Handlungen voller Dynamik und Körpereinsatz. Doch Hahn setzt seine Kämpfer in der Fläche des Bildes fest. Bei aller prall in ihren plastischen Werten herausmodellierten Körperlichkeit gibt der Maler seinen Figuren keinen Raum. Jede Öffnung in den Hintergrund wird verbarrikadiert, jeder Spalt verrammelt, jeder Pfad verbaut und jeder Durchblick in die Tiefe verstellt. Geradezu wütend verschließt Hahn jede Räumlichkeit, verweist seine Figuren auf die vorderste Ebene des Bildes, schiebt sie dort zusammen, verschweißt sie zu einer Fläche. Die Paintball-Kämpfer in ihrer aggressiven Dynamik eingefroren, der Motorradfahrer innehaltend in ewigem Sturz. Diese Gemälde folgen nicht der Geschichte der Malerei, sie folgen der Logik des Bildschirms.

Der 1969 in Nürnberg geborene Christian Hahn gehört der ersten Generation an, die mit dem Computer aufgewachsen ist. Vom Computer simulierte Wirklichkeiten faszinierten ihn schon früh. „Als Kind war ich ein totaler Gameboy-Freak, lag tagelang auf dem Bauch und war fasziniert von den Wirklichkeiten, die vom Computer aufgebaut waren. Das Technische daran war mir egal, aber die visuellen Welten haben mich weit weg entführt. Computerspiele, Star Wars, Fantasy-Filme ­ alles, was neue Szenerien aufbaut, neue Räume erschließt, die nicht wirklich sind, dabei aber Elemente der Wirklichkeit einsetzen, das hat mich gefesselt.“ So lernte Hahn zunächst Illustrator an der Fachhochschule für Kommunikationsdesign an seinem Geburtsort Nürnberg und später in Hamburg, wo er sich 1993 entschied, an die Hochschule für bildende Künste zur Malerei zu wechseln. Seine Lehrer dort waren Olav Christopher Jenssen und Werner Büttner. Gesamplete Wirklichkeiten

Wie viele Kollegen dieser Jahre interessiert sich Hahn zunächst für ein freies Addieren von Motiven. Den schnellen Schnitten von Werbespots und Video-Clips entsprechend wird bei den Bildern einer ganzen Generation von Malern ­ Franz Ackermann gehört ebenso dazu wie Daniel Richter oder Neo Rauch - das Bildinventar nicht ausgebreitet, sondern eher aufgerufen ­ angeklickt, wie mit der Computer-Mouse. „Gesamplet“ lautet der aus Hip-Hop- und House-Musik entlehnte Terminus. „Sampling“ bedeutet ursprünglich die digitale Speicherung und Manipulation von Geräuschen und Tonfolgen, die an gewünschter Stelle in jeder Form verwendet werden können. Auf den Techniken von Bricollage, Collage und Montage basierend meint Sampling für die genannten Maler, dass ein Original gefügig und in jeder erdenklichen Weise nutzbar gemacht werden kann: „neue Zusammenhänge, Archive, Stimmungen ­ keine Kritik des Zusammenhangs, sondern das interessierte Sichten seiner Trümmer, durchaus auch, um neue Zusammenhänge zu stiften“. So setzt sich die Bildwelt Christian Hahns aus Wirklichkeitsfragmenten und ornamentalen Elementen zusammen, die seit Ende der neunziger Jahre durch seinen Gemälde schweben, sich überlagern und einander durchdringen. In den abstrakteren Bildern sind es freie Formen, allenfalls Versatzstücke von identifizierbaren Gegenständen und Wesen, die sich zur Situation verdichten. Polsterteile, Plastikformen, Architekturversatzstücke, Science-Fiction-Monster und immer wieder Tiere. Oberflächen aus der Wirklichkeit werden imitiert: abgewetzte Jeans und zotteliges Fell, die Blätter wächserner Zimmerpflanzen und klebrige Lollipops. Dazwischen viel, viel Plastik: ausgestanzt und aufgeblasen, stachelig spitz oder rund poliert.
Im Gespräch mit Stephan Schmidt-Wulffen berichtet der Künstler: „Es war mir äußerst wichtig, unterschiedliche Ebenen zu definieren, Haltungen zu bedienen. Gegensätze wie das Natürliche, das Künstliche herauszuarbeiten. Ich habe mich dabei auch stark an den ‚digitalen Welten“ orientiert. Wenn man sich ansieht, wie Computerspiele aufgebaut sind, dann tauchen da Motive auf, deren Hintergrund unscharf ist. Dadurch entsteht eine illusionistische Dreidimensionalität.“ Dem Sampling der Motive entspricht dabei die virtuose Vielfalt der Faktur, das vielstimmige Zusammenspiel der unterschiedlichsten Malweisen. Hahn springt zwischen unterschiedlichen malerischen Verfahren hin und her: Mal dünn getröpfelt, fast wässrig, dann wieder klebrig fett, hier gebürstet, dort gepinselt, graphisch umrissen ebenso wie pastos geschichtet, abgeklatscht und ausgemalt. Die hier gezeigten Bilder Brutstätte und Schwärmer entsprechen noch diesem Sampling, von dem sich Hahn jedoch mit den aktuellen Bildern zu entfernen scheint.

Anonyme Ritter
In den neuen Bildern formiert Christian Hahn eine Front aus Spiel, Spaß und Katastrophenschutz. Helden, die aus den Abendnachrichten oder der letzten Ausgabe einer Doku-Soap stammen könnten, treten in eine unwirkliche, fremde Welt hinein, deren vielschichtige Gegebenheiten allein der Künstler festlegt. Feuerwehrmänner wehren den Angriff von Superpollen ab, Hunde jagen durch die wuchernden Verschlingungen riesiger Hörnerschläuche - Hahn zeigt die Kreatur im Kampf mit dem entfesselten Ornament. Die Situationen, die Hahn in seinen figürlichen Bildern heraufbeschwört, mobilisieren den Stoffwechsel, setzen Adrenalin frei: Herausforderungen und Gefahr bedeuten Stress! Die Botenstoffe werden im Fluss der Farbe transportiert ­ diese ist nämlich grell und lautstark, wie sonst nur auf Warnschildern, in jedem Fall fern von Entspannung und Wohlbehagen. Ein schwefliges Gelb trifft auf ein zuckriges Rosa, daneben eisiges Hellblau ­ keine Farbe zu leuchtend, dass sie nicht gegen einen noch kraftvolleren Ton gestellt werden könnte. So entstehen Welten voller Künstlichkeit, die in ihrer offenen Kombinatorik an Computerspielen und Bildschirmsimulationen gewachsen sein mögen, sich jedoch mit jedem neuen Bild zu einem eigenen Universum verwandeln. So wie der Maler die Räume seiner Bilder verbarrikadiert, so treten seine Figuren nunmehr nur noch in Schutzkleidung auf. Es sind moderne Archetypen, die uns hier begegnen. Als Feuerwehrmänner sind sie die unerschrockenen Helden unserer Gegenwart, als Paintballspieler verkörpern sie den in High Tech kanalisierten Aggressionsabbau. Helm und Visier machen die Kämpfer und Sieger stark und unverletzbar. Doch der Schutz geht mit Namenlosigkeit einher. Wir können nicht sagen, wer sich hinter diesen modernen Rüstungen verbirgt, wir wissen nichts über ihren Charakter. Identität wird verborgen, ausgeblendet. So wie Hahn die Tiefe seiner Bildräume verbarrikadiert, verbergen sich seine modernen Ritter in ihren Rüstungen. Hüllen können von den in ihnen verborgenen Menschen berichten, doch was, wenn sie waterproof und non inflamable sind? In seinen jüngsten Gemälden setzt Christian Hahn die Oberfläche absolut, seine Malerei feiert die feuerhemmenden Rüstungen aus Goretex und Teflon, aus Nylon und Neopren. Hahn beschwört ihre Künstlichkeit in Farbe und Reflex. Man kann in diese modernen Rittern auch die Verweigerung des Malers lesen, den mit der figürlichen Darstellung gemeinhin einhergehenden Transport von Gefühl und Ausdruck einzulösen. Umso überraschter mag den Betrachter der Blick des springenden Dalmatiners im Bild Treibjagd treffen. Gehetzt, leidend, wissend ­ in jedem Fall menschlich mag ihm dieser Blick erscheinen. Und plötzlich blitzt etwas auf, was sich hinter dieser hochglänzenden Simulation verbergen könnte, jedoch nur, um sich gleich im nächsten Moment hinter der unaufhörlich wuchernden Form des entfesselten Ornaments wieder zu verlieren.

Christoph Heinrich  

 




Installation at the Denver Art Museum 2009





Installation at the Kunstmuseum Bonn, 2005





Installation at the Kunsthalle Hamburg