Moritz Altmann
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Moritz Altmann: Zu meiner Arbeit
Meine Skulpturen entstehen aus dem Versuch, Objekte zu produzieren, die in ihrer Existenz eher eine Möglichkeit suggerieren als eine Manifestation ihrer selbst zu sein. Im Bewußtsein, aus dem gegebenen Material einen unendlichen Handlungsspielraum zu haben, ein Objekt zu formen, scheint das Endprodukt zufällig. Nimmt man also an, daß durch dieses Endprodukt durch seine einfache Existenz bereits eine Aussage gemacht wird, so soll diese durch eine bestimmte Formgebung als eine von vielen Möglichkeiten markiert werden und nicht als absolut gültig behauptet werden. Innerhalb der Arbeit führt dies zu einer Formensprache, die den Übergang des Objekts von einem Zustand in einen anderen betont, sowohl in seiner physischen Existenz, als auch in dessen Interpretation durch den Betrachter.
Die verwendeten Elemente vieler der Arbeiten zitieren Objekte aus Kunst- und Wunderkammern, und somit einen Bereich, in dem das Interesse für die Kunst sich mit der Faszination für das Künstliche und Kunstvolle vermischt.
In dieser Herkunft ist eine bestimmte Art der Beurteilung des Objekts angelegt. Die grundsätzliche Frage sollte hier nicht “was ist es?“ oder “ist es Kunst?“ sein, vielmehr geht es darum, eine Faszination für die Unwahrscheinlichkeit des Objekts an sich zu erzeugen. Diese Faszination besteht zu großem Teil darin, nicht zu wissen, um was es sich eigentlich handelt.
Ein weiterer Aspekt der Arbeit, bei dem es darum geht, das Objekt einer endgültigen Identifikation zu entziehen, besteht im Verhältnis zwischen seiner tatsächlichen Existenz als reales Objekt und dessen Funktion als Abbild.
Die Objekte sind autonome Skulpturen, während sie gleichzeitig Gegenstände aus dem Bereich der angewandten Künste zitieren und somit auf einen ursprünglichen Zweck, dem sie möglicherweise dienen könnten, hinweisen. Andererseits werden diese Objekte in der Ausführung für die Anwendung unbrauchbar gemacht. Auf diese Weise wird verdeutlicht, das es sich bei dem fraglichen Objekt nicht um das Gebrauchsobjekt selbst handelt, sondern um dessen durch subjektive Interpretation entstandenes Abbild. Dennoch changiert die Interpretationsweise zwischen einer Assoziation des Objekts mit seinem Vorbild und der Identifizierung des Objekts als Abbild oder Interpretation des Vorbilds.
Aus der Motivation, ein Gefühl der Unbeständigkeit zu erzeugen, ergibt sich auch eine Arbeitsweise, die sich mit den Grenzen der physischen Möglichkeiten des Materials auseinandersetzt. Oft wird die Dekonstruktion des Objekts zu einem Punkt vorangetrieben, an dem sie fast dessen Zerstörung erreicht, womit wiederum angedeutet wird, daß das bestehende Objekt lediglich einen Zustand in einer Kette möglicher Erscheinungsweisen zwischen seiner Herstellung und seinem endgültigen Verschwinden zeigt.
Die künstliche Zerstörung des Objekts kann auch als ein Mittel zur Auflösung der Raumgrenze, die durch die feste Oberfläche des Objekts behauptet wird. Durch dessen Durchdringung wird diese Oberfläche wiederum lediglich als Möglichkeit dargestellt.
Die Ruine entlarvt die Oberfläche des Objekts als illusorische Gewißheit. Auf ähnliche Weise wuchern ornamentale, organische Formen über die bestehende Oberfläche und deuten somit wiederum eine weitere, in Entstehung begriffene Oberfläche an. Des weiteren erscheinen diese dekorativen Elemente wie lose angeheftet und somit der ständigen Gefahr ausgesetzt, wieder herunterzufallen, wodurch wiederum eine Fragilität zur Schau gestellt wird, die eine zuvor als direkt greifbar empfundene Struktur in Frage stellt.
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In den Kabinetträumen im Obergeschoß des Alten Rathauses zeigt der Kunstverein Plastiken von Moritz Altmann (geb. 1975). Von Keramik über Gips bis hin zu Weißblech reicht die Materialpalette des Absolventen der HfBK-Hamburg. Für sich genommen sind es gestaltlose Grundsubstanzen, relativ uninspirierende Kandidaten für ästhetische Betrachtungen. Zum romantischen, nicht aber romantisierenden tête-à-tête mit dem Formenrepertoire aus der Vergangenheit der Kunst lässt sie erst der Eingriff des Künstlers werden. Im souveränen Wechselspiel von Schwung und Gegenschwung biegen und beugen sie sich hinein in irgendwie vertraute Formen. Lappig ausgezogen und weit aufgebläht wie Segelbahnen rollen sich Materialkanten zum Muschelrand von Kartuschen; dehnen sich teigige Tonrollen hingebungsvoll zu Volutenspangen oder ein Gipsauftrag franst aus in fein durchbrochenes Ohrmuschelwerk. Selbst schnödes Weißblech gibt sich in der Hand von Moritz Altmann gefügig und gewillt geschwungen. Fein geätzte Friese Palmetten, Akanthus oder anderes Blattwerk besetzt mit Strassteinen, ummanteln stilvoll und schützend zugleich - Reliquaren ähnlich - was immer Wertvolles in ihnen Platz finden durfte. Rein weiße Glasur verbindet ein Ensemble von Nautilusschalen, trotz der runden, aufgerollten Form dieser sogenannten Perlboote, harmonisch mit ihren konkav-konvex aufwachsenden Sockeln zu beeindruckenden Pokalen. Gemeinsam mit durchbrochenen Tellerformen erinnern sie an Zeiten, in denen ein Tafelaufsatz aus illustrem Porzellan für angeregte Konversation und Augenschmaus gedacht war. Im Kunstkabinett von Moritz Altmann herrscht zweifelsohne das Déjà-vu in all seiner Ambivalenz von Schon-Gesehenem und So-Noch-Nicht-Gesehenem. Denn die zierlich verspielte asymmetrische Form der Rocaille überzuckert hier nicht Architekturen, Mobiliar oder Stoffe. Schon gar nicht dient sie der Zierde einer Menschengestalt. Was in Folge der bereits 100 Jahre zurückliegenden Abstrafung, so z.B. durch die polemische Schrift „Ornament und Verbrechen“ (1908) von Adolf Loos, zumeist gerade noch als Datierungshilfe, als typisches, dekoratives Stilmerkmal einer Epoche Aufmerksamkeit erhält, wird in den Ausstellungsraum hineingeholt. Hier reklamiert es ganz „Form mit Selbstzweck“, wenn auch durch Zeit und vielleicht durch häufige Nutzung dünn und durchlässig geworden, den Raum der Kunst standhaft für sich. Überbordend und unablässig erweiterbar, darf sich die artifiziell geschaffene Form, ganz ohne Grund, aber das mit Genuss, ihrer Selbstdarstellung widmen. |