Flight 405 - Hamburg (31. März - 14. Mai 2005)

Kulturelle Initialzündung
von Belinda Grace Gardner
27. April 2005 - Artnet.com

Eine fiktive Flugnummer, die ein Datum und einen Aufbruch signalisiert: Mit der Doppelschau Flight 405 feiert die aus Beirut stammende, in Hamburg ansässige Andrée Sfeir-Semler das 20jährige Bestehen ihrer Galerie. Eine Reise zu den eigenen Wurzeln und zugleich in die Zukunft, denn die Galeristin begibt sich nach Beirut. Am 9. April eröffnete sie dort eine Dependance ihres Hamburger Standorts. Über 1.000 Gäste aus den unterschiedlichsten Altersgruppen und sozialen Zusammenhängen strömten in die neuen Galerieräume, die in einem ehemaligen Industriekomplex nahe des Beiruter Hafens gelegen sind und üppige 1.000 Quadratmeter umfassen. Nach dem Ende der langjährigen Bürgerkriege im Libanon entwickelt sich Beirut wieder zu einem kulturellen Dreh- und Angelpunkt. Mit der Einrichtung ihres Forums für aktuelle Kunst, speziell aus den Regionen des Nahen Ostens, will Sfeir-Semler diesen Prozess befördern und damit auch eine Vermittlerrolle zwischen dem westlichen Kunstmarkt und der noch im Werden begriffenen Szene ihres Heimatlandes übernehmen. Ihr Beiruter Galerieprojekt soll als Initialzündung für weitere Initiativen wirken. Die große Resonanz zur Eröffnung zeigt, dass sie mit ihrem Vorhaben richtig liegt.

Zur Galeristin wurde die 1954 geborene Andrée Sfeir-Semler über Umwege. Ursprünglich plante sie, Filmemacherin zu werden, und studierte an der American University of Beirut (einem Zweig der New Yorker Columbia University) freie Kunst mit Schwerpunkt Film sowie Kunstgeschichte. Sie besuchte Blockseminare legendärer Regisseure wie Jean-Luc Godard oder Michelangelo Antonioni, die in Beirut gastierten, und erhielt für einen experimentellen Kurzfilm den 1. Preis. Ihrem Plan, nach erfolgreichem Magister-Abschluss ihre Filmstudien an der University of California, Los Angeles, fortzusetzen, kam die Liebe dazwischen. Bei einem Urlaub in Frankreich lernte sie ihren deutschen Mann kennen und tauschte L.A. gegen München ein. Dort ging sie als Postgraduierte weiterhin den Fächern Film und Kunstgeschichte nach, bevor sie sich im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojekts (Bielefeld/Paris) zur Entstehung des Bürgertums im 19. Jahrhundert als Mitarbeiterin des großen Soziologen Pierre Bourdieu in kulturhistorisches Gebiet vertiefte. Ihr Promotionsthema: Die Maler am Pariser Salon 1791-1880. Es folgte der berufliche Wechsel ihres Mannes in den hohen Norden nach Kiel, wo Andrée Sfeir-Semler 1985 die Gelegenheit ergriff, ihre erste Galerie zu eröffnen – kurz nach der Geburt der Tochter und parallel zum Rigorosum: „Ein Sprung ins kalte Wasser!“.

Schleswig-Holstein war damals nicht gerade ein Mekka der zeitgenössischen Kunst. Als Galeristin in der spröden Hafenstadt betrat sie deshalb in mehrfacher Hinsicht Neuland. In den ersten Jahren ihrer Galerietätigkeit, in die sie „erst hineinwachsen“ musste, bewegte sie sich über die Pariser Achse – mit namhaften Figuren wie Sonia Delaunay, Henri Matisse oder Alexander Calder – hin zu expressiven Protagonisten im Dunstkreis von COBRA wie Pierre Alechinsky oder Karel Appel und dem vom französischen Tachismus beeinflussten Action Painter K.R.H. Sonderborg. Wiederholt trat auch der österreichische „Übermaler“ Arnulf Rainer bei Sfeir-Semler in Erscheinung. Ein weiterer früher Künstler der Galerie: der in Schottland lebende lyrische Konzeptualist Ian Hamilton Finlay, der bis heute im Programm von Andrée Sfeir-Semler vertreten ist.

Zusehends kamen jüngere künstlerische Positionen hinzu, auch aus der norddeutschen Umgegend, gezeigt im Wechsel mit berühmten internationalen Namen. Und immer stärker kristallisierten sich als ästhetische Leitmotive in Sfeir-Semlers Galeriearbeit konzeptuelle und minimalistische Tendenzen heraus. 1998, drei Jahre nach dem zehnjährigen Jubiläum in Kiel (gefeiert mit der Inszenierung Lapislazuli und Gold, unter anderen mit Yves Klein, James Lee Byars, John Armleder, Marcel Broodthaers, Ian Hamilton Finlay, Michel van Ofen, Peter Hamak, Rolf Rose, Klaus Kumrow und Elsbeth Arlt) zog Andrée Sfeir-Semler samt Familie und Galerie nach Hamburg um. Seitdem sie im Hamburger Galerienzentrum an der Admiralitätstraße aktiv ist, hat sich das Programm immer weiter in Richtung konzeptuelle Positionen entwickelt, die auch schon mal sperrig und komplex sein dürfen. Insgesamt kontrastieren plakative mit ganz leisen Auftritten.

In jüngerer Zeit alternierten Hiroyuki Masuyama, Daniele Buetti, Elger Esser oder Christian Hahn mit „Klassikern“ wie Sol LeWitt und Robert Barry. 2004 ist Walid Raad / The Atlas Group (Beirut / New York) mit seinem vielschichtigen Archiv-Projekt hinzugekommen, das bei der Documenta11 Furore machte. Damit zeichnet sich ein verstärkter Fokus der Galeristin auf gesellschaftsanalytische Kunstrichtungen ab, die in der Beiruter Zweigstelle besonders intensiv zum Tragen kommen sollen. So ist Walid Raad / The Atlas Group auch an den jetzt stattfindenden Parallelausstellungen zum 20jährigen Jubiläum der Galerie in Hamburg (bis 14. Mai) und Beirut (bis 18. Juni) beteiligt, zusammen mit Elger Esser, Alfredo Jaar, Emily Jacir, Amal Kenawy, Till Krause, Michelangelo Pistoletto, Hiroyuki Masuyama und Akram Zaatari. Thematisch kreisen beide Präsentationen um Konzepte von „Identität“ und „Verortung“ vor dem transitären Erfahrungshorizont von Entwurzelung und Dislokation, gesellschaftlichen Umbrüchen und Neuentwürfen im globalen Kontext.

Galeriearbeit als Standortfaktor. Über veränderte Bedingungen und ihre eigene Verortung im Kunstbetrieb reflektiert Andrée Sfeir-Semler im Gespräch.
Belinda Grace Gardner: Ist es ein Hindernis oder ein Plus, wenn man als Galeristin kunsthistorisch geschult ist?
Andrée Sfeir-Semler: Wenn man von der Kunstgeschichte herkommt, aber in der Gegenwart arbeiten will, muss man erst einmal lernen, die Augen für das Neue zu öffnen. Man hat – ob man will oder nicht – eine gewisse Befangenheit, weil man eben schon vieles kennt und deshalb zunächst oftmals glaubt, man habe es bei jüngeren Positionen mit einem zweiten Aufguss zu tun. Es bedarf der Erfahrung, um das Neue zu erkennen und einen Blick dafür zu entwickeln.

Belinda Grace Gardner: Was macht „gute“ Kunst aus?

Andrée Sfeir-Semler: Qualität lässt sich nur im Vergleich definieren, nicht als absolute Größe. Dabei spielen geografische, gesellschaftspolitische und historische Faktoren eine Rolle. Man kann ebenso wenig am jeweiligen Umfeld vorbei arbeiten wie am herrschenden Zeitgeist. In Beirut schaut man sicher anders auf die Kunst als etwa in Hamburg oder in Kiel. Mich persönlich interessieren gerade auch Künstlerinnen und Künstler, die reduziert arbeiten, weniger brauchen um etwas zu sagen, deren Ansatz eher nach innen gerichtet ist. Meiner Ansicht nach sind die leisen Töne in der Kunst nicht weniger wichtig als die lauten, auch wenn sie nicht so schnell erfassbar sind. Zudem habe ich immer versucht, in meiner Galeriearbeit die gesellschaftliche Dimension zu thematisieren. Kunst ist schließlich grundsätzlich ein Produkt der Gesellschaft.

Belinda Grace Gardner: Wie hat sich der Kunstmarkt in den vergangenen Jahren verändert?

Andrée Sfeir-Semler: Als ich meine Galerie eröffnete, war Kunst in dem Sinne, wie es heute der Fall ist, noch keine Modeerscheinung. Der Markt ist mittlerweile extrem schnelllebig. Das erkennt man schon am Umgang mit ganz jungen Positionen, am Hype, der damit einhergeht. Kunst ist zum Spekulationsobjekt geworden und auf dem Markt ist der Ellbogenkampf stärker denn je. Es kommt derzeit zu absurden Entwicklungen, wie an den aktuellen Preisen für Andreas Gurskys Fotoarbeiten abzulesen ist. Im Moment verkauft sich das, was angesagt ist. Und dabei spielt der “New Yorker Segen“, also das, was in den USA Erfolg hat, eine entscheidende Rolle. Der Markt diktiert das Geschäft. Bleibt abzuwarten, was von den Trends bleibt und wie viele von den momentan so gefragten Malern aus Leipzig – beispielsweise – letztlich überdauern werden.

Belinda Grace Gardner: Was war der entscheidende Impuls, jetzt eine zweite Galerie in Beirut aufzumachen?

Andrée Sfeir-Semler: Nach zwanzig Jahren Galerietätigkeit habe ich Bilanz gezogen und mich gefragt, ob ich weitermachen will wie bisher oder einen neuen Start wagen soll. In Deutschland besteht eine extreme Dichte an Galerien. Im gesamten Nahen Osten hingegen herrscht in dieser Hinsicht ein Vakuum – es gibt kaum Galerien, die anspruchsvolle internationale Kunst ausstellen. Nun bin ich ja gebürtige Libanesin und mir schien die Zeit günstig, ein Galerieprojekt in Beirut zu verwirklichen, wo sich gerade viel bewegt. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler arbeiten in der Region, haben aber bisher keine Plattform. Das Land braucht dringend Orte des Diskurses für die bildende Kunst, die hier sehr stark gesellschaftsorientiert, politisch engagiert und mit existenziellen Themen befasst ist. Momentan gibt es an den Universitäten oder auf Symposien solche Angebote vor allem für Literaten – für Künstler fehlen sie noch.

Belinda Grace Gardner: Ist mit der Beiruter Galerie, die ja jetzt erfolgreich eröffnet wurde, der Traum verbunden, vor Ort kulturell etwas zu bewegen?

Andrée Sfeir-Semler: Es ist der Versuch, am Diskurs der Gesellschaft dort teilzunehmen. Und es geht darum, zum Aufbau einer Infrastruktur für die Präsentation und nachhaltige Unterstützung von Kunst aus der gesamten Region beizutragen und Brücken zum westlichen Kunstmarkt zu schaffen. Der libanesische Künstler Walid Raad, der mit dem Projekt The Atlas Group in Beirut und New York aktiv ist, repräsentiert künstlerisch eine Brücke zwischen den Kulturen.

Belinda Grace Gardner: Das bedeutet aber keinen Abschied aus Hamburg?

Andrée Sfeir-Semler: Nein, es ist wunderschön im Norden. Die Menschen mögen zunächst etwas spröde wirken, aber sie sind tiefgründig und authentisch. Ich fühle mich hier sehr wohl.

Galerie Sfeir-Semler, Admiralitätsstraße 71, 20459 Hamburg.